1818 erschien das erste Exemplar von Frankenstein; oder Der moderne Prometheus. Zweihundert Jahre später bleibt es unsere beliebteste Monstergeschichte, wenngleich die kulturellen Bilder stärker von Boris Karloffs Filmversion geprägt sind als von Mary Shelleys Roman.
Nur wenige Bücher bleiben über Jahrzehnte, geschweige denn 200 Jahre relevant – doch Frankenstein hält sich und dient als kultureller Prüfstein. Selbst der Name „Frankenstein“ evoziert ein beängstigendes, unnatürliches Gebilde: Frankenfoods, Frankenbabies oder Frankenalgorithmen.
Letzteres ist zentral. Künstliche Intelligenz (KI) verändert Leben leise, nicht dramatisch wie ein mörderisches Monster. Obwohl Prominente Victor Frankensteins Kreatur mit KI vergleichen, interpretieren wir zu viel hinein.

Dr. Beth Singler, Anthropologin an der Cambridge University und Expertin für menschliche Vorstellungen von denkenden Maschinen, sieht eine Synergie – nicht im Roman selbst, sondern in unserer Sprache über KI. „Shelleys Frankenstein liefert keine Anleitung zur Kreaturenschaffung, doch Medien nutzen es als Analogie zur modernen Technologie“, erklärt sie.
Shelley umreißt Frankensteins Ziele vage: Er schafft Leben. Im Kontrast dazu replizieren KI-Forscher Intelligenz gezielt, ohne Leben zu erzeugen. „Sehr wenige sprechen von Leben in KI“, betont Singler.
Frankenstein spiegelt somit unsere Ängste vor der Technologie der Zeit wider – 1818 der Galvanismus, die Idee, Elektrizität erwecke Tote. Shelley beobachtete, wie Experimente tote Frösche zucken ließen, was die Fantasie beflügelte.
„Shelley war klug vage: „Die Instrumente des Lebens“ und „Der Funke des Lebens“ laden zu modernen Interpretationen ein“, sagt Dr. Sharon Harkup, Wissenschaftshistorikerin und Autorin von The Science of Frankenstein. Zeitgenossen fürchteten: Ist das machbar?
Künstliche Vergleiche

Shelleys vage Monsterbeschreibung erlaubt KI-Allegorien, doch der Verstand fehlt. Das Monster lernt verkörpert durch Beobachtung – anders als maschinelles Lernen. „KI-Lernen ist algorithmisch und massiv skaliert“, erklärt Singler. AlphaGo spielte Millionen Partien, Lee Se-Dol nur 5.000.
KI muss nicht menschlich wirken: AlphaGo oder Bilderkennung priorisieren Effizienz. Dennoch personifizieren wir, wie Fan-Kunst zeigt.
„Das Monster ist autonom – wie gefürchtete KI. Frankenstein erwartet Anbetung, doch es rebelliert“, analysiert Harkup unsere Ängste.
Zukunftsangst

Harkup warnt nicht apokalyptisch. Heutige KI dient gehorsam, z. B. Amazons Echo for Kids belohnt Höflichkeit. Singler kritisiert: Beides objektiviert – Mensch oder Maschine. Höflichkeit zu KI sagt mehr über uns aus.
Frankensteins Monster rächt Missbrauch fiktiv. Realistisch? Moderne Wissenschaft widerlegt: Gewebeverbindungen scheitern ohne 19.-Jahrhundert-Fortschritte.
Harkup detailliert: Grabraub war üblich, doch Nähkünste fehlten. Shelleys Riese könnte Charles Byrne inspirieren, dessen Leichnam trotz Wunsch seziert wurde.
Shelley verwebte Zeitgeist wissenschaftlich – ihr Erbe: Frankenstein als Metapher für das Unnatürliche. Werden 2218 unsere KI-Ängste ähnlich belächeln?
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