Begeben Sie sich in die Wälder im Südwesten Schottlands – dort wartet etwas Außergewöhnliches. Diesen Monat findet eine kostenlose Kunstveranstaltung statt, die Dunkelheit und Technologie erforscht: mitten in einer toten Zone ohne Internet oder Mobilfunk. Einer der Künstler lädt Sie ein, Ihre persönlichen Eindrücke von Abgeschiedenheit und Stille einzusenden – er überträgt sie per Kurzstreckenfunk zwischen zwei Masten über das Gelände.

Im Rahmen von Sanctuary 2017 ruft Tim Shaw die Öffentlichkeit auf, Bilder, Audios und Videos zu teilen, die auf Themen wie Dunkelheit, Isolation und Stille eingehen. Über ein spezielles REACH-Portal online eingereicht, werden diese Inhalte in Ton umgewandelt, per Funk gesendet und am Ziel wieder in Bilder zurückverwandelt. Bildschirme an den Send- und Empfangsstationen zeigen die Ergebnisse live.
Die Übertragung ist jedoch nicht fehlerfrei: Natürliche Störungen wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Umgebungsgeräusche verzerren das Material. Shaw fasziniert diese „natürliche Verzerrung“ und die „gefährliche Natur des Radios“, die Inhalte auf ihrem Weg durch den Wald verändert.
Shaws Projekt Radio Television ist Teil mehrerer Installationen im Galloway Forest Dark Skies Park – einem Ort, der „elektronisch dunkel“ ist und minimale Lichtverschmutzung aufweist. Weitere Highlights: Dark Outside FM, ein hyperlokaler Radiosender, der Töne direkt an Besucher-Radios überträgt (kein Soundsystem!). Nach dem Festival wird alles demontiert, um die Signale ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen.
Das Festival trifft den Nerv der Zeit: Das Interesse an „Going Dark“ boomt – von der Auseinandersetzung mit den mentalen Belastungen durch rund um die Uhr Social Media bis zu Events wie Burning Man, die bewusste Trennung von der digitalen Welt feiern und teilweise sogar fetischisieren.
Ich habe mit Shaw über sein Werk gesprochen und sein Interesse an natürlichen Verzerrungen als Spiegel unserer technikabhängigen Systeme.

Was war der Ausgangsimpuls für Radio Television?
Als Künstler beschäftige ich mich seit Langem mit Radio – ein facettenreiches Medium im Alltag und als Technologie. Ich habe damit experimentiert, um zufällige Begegnungen zu schaffen, etwa durch einen eigenen Kurzwellensender in einem Performanzraum mit verstreuten Empfängern. Das führte zur Idee, Bilder per Radio zu übertragen.
„Für mich ist Radio Fernsehen wie ein langsames Internet“
In Zeiten von „slow media“ wie langsamem Fernsehen oder Radio sehe ich Radio Television als langsames Internet: Jedes Bild braucht ca. fünf Minuten. Die Arbeit regt zum Nachdenken über kreative Potenziale in solchen Infrastrukturen an.
Warum Bilder per Funk statt digital?
Die Grenze zwischen analog und digital ist fließend. Digitale Prozesse spielen mit, doch entscheidend ist die Umgebung. Zwei Masten mit Bildschirmen: Einer sendet, der andere empfängt. Dazwischen – der ungewisse, sich wandelnde Teil des Systems – erzeugt Live-Verzerrungen der Umwelt.

Gibt es einen Konflikt zwischen online-Einreichung und der „dunklen“ Festival-Umgebung?
Ja, absolut – das macht Sanctuary und dieses Projekt so spannend. Alles bleibt lokal: Kein Livestream, keine Verbindung zur Außenwelt. Man muss hinkommen. Dark Outside FM sammelt weltweit Beiträge, strahlt sie aber nur einmal jährlich vor Ort aus – ohne Aufzeichnungen. REACH erweitert das auf visuelle und auditive Einreichungen, um das Publikum tiefer einzubinden.
Werden wir durch digitale Netze der natürlichen Verzerrung weniger gewahr – und wie verändert das unser Landschaftsbild?
Verzerrungen passieren überall, Grenzen sind fließend. Mich fasziniert es, verborgene Strukturen sichtbar zu machen. In meinem Werk Ring Network erkundete ich akustische vs. aufgezeichnete Klänge und Netzverzögerung: Drei Galeriegeläute wurden via Mikrofon aufgezeichnet, an Server in Korea, Island und USA gesendet, zurückgespielt – mit der Latenz als kreativem Material. So wird die materielle Qualität technologischer Infrastrukturen greifbar und regt zum Nachdenken über unsere geographische Internet-Beziehung an. Dies fließt in Sanctuary ein.
Sanctuary 2017: 23.–24. September. Mehr Infos auf der Festival-Website.
Bildquellen: Sanctuary, Mark Bolem, Tim Shaw