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Aktzeichnen trifft Maschinelles Lernen: Exklusives Interview mit Künstlerin Anna Ridler

Maschinelles Lernen prägt bereits unseren Alltag und wird seine Rolle weiter ausbauen. Ob Google-Suchen oder Sprachbefehle an Alexa – diese Technologien enthüllen eine Welt smarter Algorithmen, die auf selbstlernende Künstliche Intelligenz hinarbeiten.

Aktzeichnen trifft Maschinelles Lernen: Exklusives Interview mit Künstlerin Anna Ridler

Deep Learning und neuronale Netze werden zu unverzichtbaren Elementen der digitalen Welt. Als Künstlerin nutzt Anna Ridler KI als kreatives Material, das nicht ignoriert werden darf. Ihre Werke heben maschinelles Lernen in den Galerieraum und machen es greifbar.

In Der Untergang des Hauses Usher (2017) trainierte Ridler ein neuronales Netzwerk mit eigenen Tuschezeichnungen, basierend auf Standbildern aus der 1928er Filmversion von Edgar Allan Poes Kurzgeschichte. Die KI generierte eine eigene Filmausgabe: einen impressionistischen Strom tintenschwarzer Innenräume und schattenhafter Gesichter.

Mehr als eine Tech-Demo wirft das Werk Fragen zu Erzählung und Erinnerung auf – wie sie sich in menschlichen und maschinellen Köpfen formen und verzerren.

Bei Zeichnen mit Ton (2017) kooperierte sie mit Komponist Ben Heim. Ein neuronales Netzwerk erkannte Formen aus ihren lebensnahen Skizzen und übersetzte sie in Klänge, die Heim mit gesampelten Soprangesängen entwickelte.

Als Performance zeigt Ridler, wie sie mit Kohle Linien auf weißem Grund zieht. Eine in ihre Brille integrierte Webcam erfasst die Formen und wandelt sie in eine Kakophonie verarbeiteter Stimmen um.

Die Betonung ihres Körpers, der Holzkohlesplitter, die Wurzeln im Aktzeichnen und die dahinter verborgenen Rechenprozesse machen Drawing with Sound zu einer faszinierenden Erkundung menschlicher Leistungsfähigkeit. Ich sprach mit der Künstlerin über ihre Arbeit und ihre Sicht auf maschinelles Lernen in der Kunst.

Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach für Künstler, maschinelles Lernen und KI zu hinterfragen?

Extrem wichtig. Kunst öffnet Türen für Nicht-Tech-Experten zu moralischen und ethischen Debatten um ML. Ohne externe Perspektiven entwickelt sich die Technologie in einer Blase. Gleichzeitig schlägt Kunst neue Arbeitsweisen vor – ähnlich wie Science-Fiction Technologie beeinflusst hat. Für mich ist ML ein Werkzeug wie Tinte oder Kohle. Es eröffnet neue Erzählungen. Ignorieren wäre kurzsichtig.

Was war die Idee hinter Drawing with Sound?

Ich scannte zwei Jahre Aktzeichnungen, zerlegte sie in Gitter und nutzte t-SNE, um häufige Markierungen zu gruppieren (z. B. diagonale oder gerade Linien). Mit Ben Heim dachte ich, wie diese klingen könnten.

„Eine Linie aus einer Richtung erzeugt einen anderen Klang als aus der anderen“

Es geht um den Zeichnprozess: Eine Linie von links erzeugt anderen Klang als von rechts. Ein Halbkreis startet einen Ton, der sich im Kreis steigert. Die Klänge aller Formteile harmonisch abzustimmen, war herausfordernd.

Wir erstellten eine Partitur, die eine halbstündige Zeichnung darstellt – Aufführung und Notation zugleich. Dank des Wissens über Zeichen-Ton-Beziehungen kann ich improvisieren wie beim Jazz.Aktzeichnen trifft Maschinelles Lernen: Exklusives Interview mit Künstlerin Anna Ridler

(Oben: Zeichnen mit Ton, 2017)

Der gesampelte Sopran passt zur Holzkohle: Die Stimme steigt und fällt, wird lauter und leiser – wie schwere Striche und Löschungen. Beide sind vergänglich. Aktzeichnen und Tonleitern sind Grundübungen in Kunst und Musik; wir haben sie mit Avantgarde-Technik neu kombiniert.

Warum das starke Performance-Element? Warum nicht das Tool für andere freigeben?

Ich wollte kein „cooles Tech-Gadget“, sondern Kunst. Die Körperlichkeit des Zeichnens ist essenziell – es ist gestisch, fast tänzerisch. Die Brille zwingt zu Bewegung und Selbstwahrnehmung. Zuschauer dürfen die Brille tragen und die Performance „nachspielen“: Jede Variiert die Spur – Metapher für subjektive Wahrnehmung.

Der minimalistische Aufbau (weiße Wände, Lautsprecher, Kohle) lenkt den Fokus auf den Moment und Klang. Siehe verwandte Interviews: Seltsame Körper in virtuellen Räumen: Elliot Dodd, Virtual and wet: Adham Faramawy, Digital dystopias: Lawrence Lek.

Warum Ton als Output?

Es wirkt magisch – Synästhesie pur. Inspiriert von Daphne Oram und alternativen Notationssystemen, fusionierte ich Performance und Notation.

Trotz Technik steht der menschliche Körper im Zentrum. Ist das eine Reaktion gegen Tech?

Nein, eher eine nahtlose Integration. ML ermöglicht heute Science-Fiction von gestern. Ich nutze KI, um Zeichnen neu zu definieren – greifbar, körperlich, nicht nur digital.

Aktzeichnen trifft Maschinelles Lernen: Exklusives Interview mit Künstlerin Anna Ridler

(Oben: Der Untergang des Hauses Usher, 2017)

„Am Ende der Performances entsteht pure Chaos“

Am Ende: Kohlespuren überall – Spuren von Menschlichkeit in digitaler Kunst, essenziell wichtig.

Anna Ridler präsentiert auf Ars Electronica (Thema: KI). Mehr auf ihre Website. Bildnachweis: Anna Ridler.