Torontos Eastern Waterfront, ein Areal mit Hunderten Morgen ehemaliger Hafen- und Lagerflächen, wird bald zu einem Hotspot für selbstfahrende Autos, nachhaltige Wohnungen und innovative öffentliche Räume. Googles Sidewalk Labs plant hier ein lebendiges Testlabor für smarte Technologien.

Nennen Sie es nicht einfach eine „intelligente Stadt“.
Sidewalk Labs vermeidet diesen Begriff bewusst in seinen Veröffentlichungen und spricht stattdessen von „urbaner Innovation“. Tom Saunders, leitender Forscher beim Innovations-Thinktank Nesta, erklärt: „Viele haben den Terminus ‚Smart City‘ überwunden – er stammt aus der Welt von Big Data und Sensoren.“
Futurist Tom Cheesewright plädiert für „lebende Städte“ mit Intelligenz und Sensorik. „Es gibt kaum voll funktionsfähige smarte Städte“, betont er. „Es geht um den gezielten Einsatz von Technologie zur Problemlösung.“
Der Traum von perfekten, von Grund auf vernetzten Städten verblasst zugunsten spezifischer Lösungen – etwa im Nahverkehr kombiniert mit Smartphones. Die Londoner U-Bahn trackt Pendler über WLAN-Nutzung, um Stoßzeiten zu entschärfen.
Sidewalk Toronto ist ein faszinierendes Experiment, sagt Cheesewright: „Sehen Sie es als großes Labor, nicht als echte Stadt. Solche Tests zeigen, was anderswo machbar ist.“ Ähnlich agieren Projekte wie Bristol Is Open oder CityVerve in Manchester, die Städte als Testfelder für Themen von Luftverschmutzung bis Altenpflege nutzen.
Urbane Innovation oder datengesteuerte Smart City?
Unabhängig vom Label werden Big Data, Sensoren und maschinelles Lernen für städtische Probleme eingesetzt. Cheesewright: „Technik ist unkompliziert – Sensoren sind billig, Konnektivität allgegenwärtig. Santander erzeugt mit 20.000 Sensoren nur 10 MB Daten täglich.“

Die wahre Herausforderung: Daten sinnvoll nutzen. Für einfache Anwendungen wie Mülltonnen leeren oder smarte Beleuchtung reicht wenig Intelligenz. Viele Projekte scheitern, weil sie zu ambitioniert nachrüsten, statt punktuell zu lösen. „Lösen Sie erst sinnvolle Probleme – und entwickeln Sie bürgernahe Lösungen“, rät Cheesewright.
Was Sidewalk Labs verspricht
Quayside im Eastern Waterfront wird Testgelände. „Wir nutzen digitale Tools und modernes Städtebau, um urbane Herausforderungen zu meistern und Städte weltweit zu inspirieren“, erklärt CEO Dan Doctoroff.
Bewohner tauschen Autos gegen Gehen, Radfahren, ÖPNV und autonome Fahrzeuge – sicherer, günstiger, mit mehr öffentlichem Raum. Digitale Infrastruktur liefert Einblicke via Sensoren, ergänzt durch klimapositive Systeme wie Solaranlagen. Flexible Designs sollen bezahlbaren Wohnraum schaffen, doch Gentrifizierung bleibt Risiko in diesem ehemals benachteiligten Viertel.
Ist eine datengesteuerte Gesellschaft das Richtige?
Fahrerlose Autos, energieneutrale Häuser, ständige Konnektivität: Paradies oder Dystopie? Daten sind zentral – Sidewalk Toronto hat bereits eine Datenschutzrichtlinie.
Architekt Carlo Ratti (MIT Senseable City Lab): „Daten können empowern, wenn offen. Top-Down-Analysen vereinheitlichen jedoch und mindern Stadtdynamik.“ Er warnt vor Brasília, wo Planung Monotonie schuf. „Städte entstehen bottom-up durch Menschen – Tech-Firmen müssen das respektieren.“

Warum Städte innovativ werden sollten
Sidewalk testet Technik, britische Städte sparen Budgets – doch Fokus sollte Lebensqualität sein, sagt Ratti. Cheesewright ergänzt: „Ideal: Verbesserung für Benachteiligte, Wirtschaft und Ökologie.“
Kleine Projekte wie smarte Abfallwirtschaft machen Städte lebenswerter. Nesta-Experte Saunders: „Fragen Sie: Welche Probleme gibt es? Die Lösung ist nicht immer ‚smart‘.“