Die Geschichte der Magd begleitet mich alle paar Jahre erneut. Erschienen im Jahr meiner Geburt, war der Roman 19 Jahre später Gegenstand meiner Doktorarbeit. Mehr als ein Jahrzehnt darauf erobert die Emmy-prämierte Hulu-Serie neue Zuschauer. Dieses Wiederaufleben ist kein Zufall: Die Vorstellung einer totalitären religiösen Theokratie in den USA wirkt heute realistischer denn je – besonders seit ich 2004 über die Präsidentschaftswahlen schrieb.

Vor dem Hintergrund der Trump-Präsidentschaft trat die kanadische Autorin Margaret Atwood am letzten Tag von New Scientist Live auf die Bühne. Gemeinsam mit Dr. Caroline Edwards von der Birkbeck University sprach sie über Wissenschaft, Science-Fiction und den Zustand der Welt.
Atwood beschreibt die ersten 254 Tage der Trump-Regierung als "einen massiven Rückschlag für die Gleichberechtigung der Frauen – nicht nur in der reproduktiven Gesundheit, sondern in jedem erdenklichen Bereich".
Die aktuelle TV-Adaption von The Handmaid’s Tale könnte als Reaktion auf Trump wirken, doch die Wahrheit ist: Die Serie lief bereits Monate in Produktion, als der 9. November kam. "Sie drehten schon, und am Wahltag wachten sie auf und dachten: 'Unsere Show hat plötzlich einen anderen Rahmen'," erklärt Atwood. "Hätte Hillary Clinton gewonnen, wäre sie als 'Gott sei Dank, das haben wir abgewendet' gesehen worden. Nach dem 9. November hieß es: 'Oh je, das ist passiert.'"
Das ist für Atwood deprimierend: "Man schreibt solche Geschichten nicht in der Hoffnung, dass sie relevanter werden. Man hofft, sie werden weniger relevant. Niemand soll den Roman lesen und denken: 'Lass uns das umsetzen.'"
Obwohl das Gespräch Science-Fiction umfasste, bevorzugt Atwood den Begriff "spekulative Fiktion". Ihr Fokus liege auf Biogenetik, nicht Robotik – passend zu ihrer Aufwachszeit. Ihre Bücher basieren stets auf realen Ereignissen oder bestehendem menschlichen Verhalten. "Ich erfinde nichts Neues. Alles ist schon passiert. Es gibt keine 'Zukunft', nur mögliche Zukünfte. Man schreibt immer aus der Gegenwart." Das gelte sogar für historische Werke: "Die Perspektive ist immer unsere eigene."
Geschichten wirken stärker als bloße Fakten: "Eine Erzählung hat mehr Impact als ein Diagramm – es sei denn, man ist Experte dafür."
Ihre reinsten Science-Fiction-Romane, die MaddAddam-Trilogie, malen eine Welt biotechnologisch gezüchteter Wesen mit menschlichen Eigenschaften. In Zeiten von CRISPR fühlt sich das nah an der Realität an. "Konferenzen verkünden, was man nicht tun wird – doch jemand wird es tun. Jede Erfindung wird bis ans Äußerste getestet, wie Pandoras Büchse." Atwood fürchtet menschengemachte Seuchen.
Dennoch ist sie nicht wissenschaftsfeindlich: "Wissenschaft ist ein Werkzeug. Wie ein Hammer: Man baut Häuser oder schlägt Nachbarn damit."
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2009 nannte Atwood sich in Wired "Optimistin": "Wer so etwas schreibt, muss optimistisch sein." Die Schlagzeile "apokalyptische Optimistin" nahm sie nun gelassener. "Wenn alle auf Seite 72 sterben und der Rest leer ist, ärgern sich Leser. Romane enden meist mit Überlebenden – das macht sie optimistisch."
In Zeiten, in denen Die Geschichte der Magd kulturell boomt, ist das vielleicht der schwache Optimismus, den wir brauchen.
Heute ist der letzte Tag von New Scientist Live – mehr zu 2018-Plänen bald auf der Website.
Bilder: Larry D. Moore und Mark Hill, CC-lizenziert.