Wie viel Verantwortung tragen Social-Media-Plattformen für die von ihnen gehosteten Inhalte? Ein gängiges Argument lautet, dass das Ausmaß an Kontrolle unmöglich ist. Auf YouTube werden täglich Videos aus 65 Jahren hochgeladen. Wer könnte jede Minute prüfen, um sicherzustellen, dass nichts Gesetze verletzt? Ob eine vorgelagerte behördliche Überprüfung das verhindert hätte oder nicht – wir sind nun einmal hier, und es ist unwahrscheinlich, dass dieser Zustand rückgängig gemacht wird, egal wie sehr Regierungen es wünschen.

Aber ist das wirklich so?
Zwei Erkenntnisse haben mich diesen Glauben überdenken lassen. Erstens: Das exzellente Buch Move Fast and Break Things von Jonathan Taplin. Es stellt einen einfachen Kontrapunkt: Wann haben Sie zuletzt Pornografie auf YouTube gesehen? Wahrscheinlich nie – obwohl sie hochgeladen wird. Google hat das Problem gelöst, während es bei terroristischer Propaganda oder Neonazi-Inhalten scheitert. Wo ein Wille ist, scheint ein Weg zu sein.
„Ändern Sie Ihren Standort nach Deutschland, und dank § 86a StGB verschwinden Konten mit Hakenkreuzen magisch.“
Zweitens: Auf Twitter fallen kürzlich zwei Probleme auf – Bots mit politischen Agenden und ein Übermaß an Neonazis sowie weißen Rassisten. Ich dachte, Moderationsmangel sei der Grund. Doch Twitter-Nutzerin @christinapeterso entdeckte etwas: Bei Standortwechsel nach Deutschland verschwinden solche Inhalte dank § 86a StGB automatisch.
Ich habe es selbst getestet. Twitter denkt nun, ich sei in Deutschland – und es wirkt. Vorher:
Nachher:
Twitter hat die Technik – warum nutzt es sie nicht?
Wenn Twitter weiße Supremacisten automatisch blocken kann, warum global nicht? Die Nutzungsbedingungen sind klar:
Beispiele für nicht tolerierte Belästigungen:
- gewalttätige Drohungen;
- Wünsche nach körperlichen Schäden, Tod oder Krankheit;
- Verweise auf Massenmorde oder Gewalt gegen Gruppen;
- Angstschürung gegenüber geschützten Gruppen;
- wiederholte Beleidigungen, rassistische oder sexistische Inhalte.
Trotz früherer Nachlässigkeit blockt die Plattform nun automatisch – warum nicht weltweit freischalten? 
Bei Nachfrage per Twitter erhielt ich eine Standardantwort: „Mit Hunderten Millionen Tweets täglich respektieren wir Meinungen und lokale Gesetze.“
„Es gibt einen Unterschied zwischen Schutz unterdrückter Gruppen in Diktaturen und Verstärkung von Hass in Demokratien.“
Das klingt nach „Wir handeln nur, wenn gezwungen“ – ähnlich wie Facebook bei Holocaust-Leugnung. Twitter idealisiert vielleicht noch den Arabischen Frühling. Doch Schutz unterdrückter Gruppen in Diktaturen unterscheidet sich von Hassverstärkung in Demokratien.
Meinungsfreiheit über alles – außer Verbotsdrohung
Ein internes Dilemma bei Twitter: Freie Meinungsäußerung. Ehemalige Nachrichtenchefin Vivian Schiller sagte zu Buzzfeed: „Sie wissen, Toxizität kann sie töten, aber wo die Grenze?“ Ein Ex-Mitarbeiter: „Produktuntätigkeit schafft einen Honigtopf für Arschlöcher.“
Fazit: Twitter zögert, um freie Rede zu wahren, handelt aber bei Gesetzen wie in Deutschland. 
Regierungen können Einfluss nehmen, doch § 86a ist seit 1945 kulturell verankert. Neue Gesetze sind bekämpfbar und schwer umsetzbar. Starke Durchsetzung braucht starke Regierungen – nicht wie im UK, wo Druck und Kodeze nicht reichten.
„Neue Gesetze sind schwer umsetzbar, wenn sie täglich gebrochen werden.“