Ein zentrales Schlagwort rund um virtuelle Realität (VR) ist „Empathie“. Von Kriegsgebieten über bedrohte Wälder bis hin zu Blindheit und Epilepsie – viele faszinierende VR-Projekte nutzen das immersive Potenzial, um Nutzer in die Lage anderer zu versetzen. Manche sind kontrovers, wie die VR-Nachbildung von Auschwitz, andere wirken aufgesetzt, etwa Mark Zuckerbergs Cartoon-Tour durch das katastrophengeplagte Puerto Rico.

Das Sozialunternehmen The Cornerstone Partnership setzt diese Tradition fort: In Kooperation mit der Technologieagentur INITION entstand das VR-Erlebnis Being Me. Es soll zukünftigen Pflegeeltern helfen, die traumatischen Erfahrungen von Kindern in Obhut nachzuvollziehen.
Das Erlebnis beginnt aus der Perspektive eines ungeborenen Kindes und konfrontiert mit häuslicher Gewalt und Drogenmissbrauch im Mutterleib. Es wechselt dann zur Sicht eines 18 Monate alten Kindes, das Vernachlässigung, Verlassenheit, Drogenmissbrauch und Gewalt erlebt. Schließlich erlebt man die Perspektive eines Siebenjährigen in einer Adoptivfamilie: Nach einem Schulkampf reagiert die Adoptivmutter unterschiedlich – um optimale Strategien im Kontext vergangener Traumata aufzuzeigen.
„Das Kerntraining für Pflege- und Adoptiveltern zielt darauf ab, die Erlebnisse dieser Kinder zu verstehen, um Verhaltensweisen zu erklären und adäquat zu reagieren“, erklärt Dr. Adrian Leu, CEO von INITION, gegenüber Alphr. Er zitiert Harper Lee aus To Kill a Mockingbird: „Du verstehst einen Menschen nie wirklich, bis du die Dinge aus seiner Sicht betrachtest, bis du in seine Haut steigst und darin herumläufst.“

In London fehlen rund 1.000 Pflegeplätze, die Zahl der Kinder in Obhut ist höchst alarmierend und steigt weiter. Leu sieht Being Me als „Aufruf zum Handeln“.
„Wir wollten Bewusstsein schaffen und etwas Wirkungsvolles, das Meinungen verändert“
„VRs Stärke liegt im Perspektivenwechsel. Wir schärfen das Bewusstsein, regen zum Nachdenken über Pflege und Adoption an und lassen Nutzer durch Kinderaugen leiden. So entsteht Empathie und Handlungsdrang“, betont Leu.
Helen Costa, CEO von The Cornerstone Partnership, sieht großes Potenzial für VR in sozialen Bereichen und der Behandlung kindlicher psychischer Probleme. Als Pilotprojekt könnte Being Me erweitert werden – mit Haptik, Geruch oder Biometrie, um Reaktionen besser zu verstehen.

Der Erfolg hängt vom Kontext ab. Solche Trainings können Pflege humaner gestalten, bergen aber Risiken: Kurze Simulationen könnten komplexe Traumata vereinfachen. Die Macher betonen, dass VR nur ein Baustein ist. Ohne Sorgfalt könnte fiktive Immersion die Realität verzerren.
„Es wächst die Notwendigkeit für verantwortungsvolle Nutzung des Mediums“
Leu räumt ein: Eine Missbrauchssimulation erfasst die Realität nie vollständig. Zu ethischen Grenzen sagt er: „VR erlaubt direkte Erfahrung ohne Filter. Daher brauchen wir ethische Standards. Wir arbeiteten eng mit Cornerstone-Experten, um nah an der Realität zu bleiben, ohne Emotionen auszunutzen.“
Beide Partner gehen verantwortungsvoll vor. Bei wachsendem Pflegemangel könnten Projekte wie Being Me viele motivieren, Adoption und Pflege ernsthaft in Betracht zu ziehen.