Professionelle Dolmetscher sind der Garant für den Erfolg mehrsprachiger Events – sei es vor Ort, virtuell oder hybrid. Rob Davidson von MICE Knowledge sprach mit dem Standing Committee des Privatmarktsektors der AIIC (International Association of Conference Interpreters), um zu beleuchten, wie Expert:innen die Pandemie meistern und wie wir heute remote an Veranstaltungen teilnehmen, ohne das Zuhause zu verlassen.
Unterscheidet sich das Ferndolmetschen deutlich vom Dolmetschen vor Ort?
Ja, der Unterschied ist enorm. Ob von einem Hub oder dem Home-Office aus – besonders in Lockdown-Zeiten – ersetzt es nicht das echte Vor-Ort-Erlebnis. Meist handelt es sich um Remote Simultandolmetschen (RSI): Dolmetscher:innen arbeiten fernab von Redner:innen und Publikum und liefern die Übersetzung simultan über einen separaten Audiokanal.
Dies ähnelt dem Kabinen-Dolmetschen vor Ort, doch die Interaktion mit Redner:innen und Publikum fehlt, was den kommunikativen Fluss mindert. Technische Hürden wie instabiles Internet, schlechte Audioqualität oder Ausfälle erschweren zudem die Arbeit. Deshalb bevorzugt die AIIC nach wie vor das klassische Vor-Ort-Dolmetschen.
Bereits im März 2020 reagierte die AIIC auf die COVID-19-Krise mit Richtlinien für Ferndolmetschen, die Dolmetscher:innen und Kund:innen helfen, diese Herausforderungen zu bewältigen.
Diese Richtlinien minimieren typische Probleme bei RSI, die Dolmetscher:innen belasten und Teilnehmer:innen frustrieren:
- Schlechte Audioqualität durch ungeeignete Mikrofone, mangelnde Verarbeitung oder unterbrochene Signale;
- Toxischer Ton und akustischer Schock (plötzliche Rückkopplungen oder Fehler, die Hörschäden riskieren);
- Niedrige Videoqualität mit Unschärfe und Lippenasynchronität;
- Instabiles Internet mit Unterbrechungen von Audio und Video.
Noch ein entscheidender Unterschied: Konferenzdolmetschen lebt von Teamarbeit. Ohne physische Nähe zu Kolleg:innen entsteht Unsicherheit, die die Qualität beeinträchtigen kann. Als Profis minimieren wir das, doch der Mehraufwand zehrt.
Ist die Technologie auf dem neuesten Stand? Sind Verbesserungen erforderlich?
RSI-Technologien haben Fortschritte gemacht, doch Verbesserungspotenzial bleibt groß – insbesondere bei kognitiver Belastung. Plattformen sollten Schnittstellen vereinfachen, um Ressourcen freizusetzen und Dolmetscher:innen auf das Wesentliche zu fokussieren: Ihre Botschaft authentisch in einer anderen Sprache zu vermitteln. Je mehr wir mit Software hantieren, desto weniger bleibt fürs Dolmetschen.
Ein Knackpunkt ist die Übergabe zwischen Teamkolleg:innen, fernab voneinander. Klare Kommunikation ist essenziell – in der Kabine selbstverständlich, bei RSI oft kompliziert. Manche Plattformen erlauben simultanes Zuhören von Boden und Partner:in, doch Latenz und fehlende visuelle Signale stressen zusätzlich.
Die AIIC-Taskforce für Ferndolmetschen und das Technik- sowie Gesundheitskomitee prüfen Technologien anhand professioneller Standards. Im März erschienen Empfehlungen und eine Checkliste für Home-Setups – öffentlich zugänglich auf unserer Website. Die AIIC lädt alle ein, diese zu nutzen.
Was sind die besonderen Herausforderungen bei der Verwendung von RSI für virtuelle Meetings, bei denen weder die Teilnehmer noch die Dolmetscher „im Raum“ sind?
Visuelle Hinweise fehlen: Diese entschlüsseln nonverbale Signale. Vor Ort messen wir Reaktionen, passen uns an und optimieren die Kommunikation. Virtuell schränkt das wesentliche Elemente ein.
Sicherheit und Datenschutz sind weitere Baustellen. Virtuelle Events müssen abgesichert werden.
AIIC-Mitglieder halten sich strikt an den Code of Professional Ethics mit hohen Standards für Integrität, Professionalität und Vertraulichkeit. Virtuell kontrollieren wir den Datenfluss schlechter – mangelnde Vorkehrungen oder Netzwerkprobleme gefährden dies.
Trotzdem bleibt Dolmetschen unverzichtbar. Studien (z. B. von Alfred Presibitero, Deakin Business School) zeigen: Sprachbarrieren in monolingualen Meetings erhöhen Stress und mindern Leistung. Hochwertiges Dolmetschen ist essenziell.
Hat sich die Rolle von Dolmetschern in der MICE-Branche aufgrund von RSI verändert?
Die Pandemie hat RSI explosionsartig vorangetrieben. Besonders anfangs suchten Organisator:innen Rat bei Dolmetscher:innen für technische Setups.
Veranstaltungsprofis schätzen unser technisches Know-how und Vertrauen darauf, Sprachbarrieren optimal zu überwinden.
Hat RSI die Beziehung zwischen Dolmetschern und Kunden beeinflusst?
Dolmetscher:innen dürfen nicht zum unsichtbaren Feature werden – offener Austausch vor und während Events ist entscheidend. Enge Kooperation macht virtuelle Pfade smoother. Wir beraten zunehmend zu dolmetschfreundlichen Setups.
Das profitiert allen: Dolmetscher:innen, Publikum, Redner:innen und Organisator:innen. Eine echte Win-Win-Situation.
Haben Veranstaltungsorganisatoren ein klares Verständnis von den Herausforderungen, die mit RSI verbunden sind?
RSI ist die neue Normalität in der MICE-Branche. Alle haben eine steile Lernkurve durchlaufen und sind besser vorbereitet.
Für uns Dolmetscher:innen zählen Basics – besonders bei RSI:
- Perfekte Audioqualität: Wir brauchen kristallklares Sprecher-Signal, auch wenn es für andere reicht.
- Sicht- und Hörkontakt zu Teamkolleg:innen für reibungslose Kommunikation.
- Blick auf Redner:innen und idealerweise Publikum für nonverbale Cues.
- Vollständiger Zugang zu Dokumenten wie Präsentationen, Notizen und Listen.
Wir haben uns hauptsächlich auf die Hürden des Ferndolmetschens konzentriert. Hat RSI irgendwelche Vorteile?
RSI ist nicht die erste Wahl, doch es hat Pluspunkte – auch post-COVID:
Beispiel: Ein japanischer Redner in Lateinamerika spricht sonst Englisch. RSI mit Spezialist:innen ermöglicht Muttersprache, spart Reisen und ist umweltfreundlich.
In Gefahrensituationen (Konfliktzonen) schützt es. Für kleine Events senkt es Kostenbarrieren. Und es öffnet Türen für reisunfähige Kolleg:innen.
2020 hat Arbeitswelten verändert – Technikfortschritte bleiben. Wir sehnen uns nach Vor-Ort, sind aber bereit. AIIC gewährleistet Qualität überall.
Der Private Market Sector (PRIMS) der AIIC verbindet Freelancer:innen für Privatkunden. Das Ständige PRIMS-Komitee fördert Austausch und Zusammenarbeit mit der MICE-Branche für mehrsprachige Exzellenz.
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